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Resilienz und Potentialentfaltung

Wie wir uns entwickeln

Psychische Widerstandskraft (Resilienz) ist gefragt wie nie. Die Welt ist unsicher geworden, Politik und Wirtschaft kommen aus dem Krisenmodus nicht heraus. Angst breitet sich aus, viele wissen immer weniger, wem sie trauen können. Andere versuchen verloren gegangene Kontrolle zurückzugewinnen. Angesichts der Flut bedrohlicher Informationen laufen wir Gefahr, die Orientierung zu verlieren.

Das verursacht Stress und macht krank. Angstbedingte Erkrankungen nehmen zu, sogar schon im Kindesalter. Die WHO schätzt, dass global ca. 14 % der Jugendlichen zwischen 10 und 19 Jahren unter mentalen Problemen leiden. Dabei will doch jeder eigentlich nur glücklich sein, gesehen werden und sich entfalten können. Wir sprachen mit dem Hirnforscher und Sachbuchautor Gerald Hüther darüber und wie es gelingt, sich aus diesen krankmachenden Verwicklungen zu befreien.

 

Herr Hüther, was ist Resilienz?
Resilienz ist die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen. Das ist bei Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt. Je stärker die drei Säulen der Resilienz in mir ausgeprägt sind, desto tragfähiger ist das Fundament, auf dem ich aufrecht stehen und mich auch in stressigen Situationen bewegen kann.

 

Wie definieren Sie die drei Resilienz-Säulen?
Es geht dabei immer um die Stärkung oder das Wiederfinden von Vertrauen und zwar auf drei Ebenen:

  • Vertrauen in die eigenen Kompetenzen: Auf welche Weise ist es Dir gelungen, Probleme auch schon bisher in Deinem Leben erfolgreich zu lösen? Wie kannst Du diese Erfahrungen zur Bewältigung der nun aufgetretenen Schwierigkeiten nutzen?
  • Vertrauen, dass jemand da ist, der dir hilft, wenn es allein nicht mehr weitergeht: Dazu braucht man wirklich gute und verlässliche Freunde statt Tausende Likes in den sozialen Medien. Es lohnt sich deshalb, nach Menschen in Deinem Umfeld zu suchen, denen Du vertraust, die Du um Hilfe bitten kannst und die dann auch kommen, wenn Du sie brauchst.
  • Vertrauen, dass es wieder gut wird: Wer sich als Teil eines großen Ganzen erlebt, fühlt sich auch darin gehalten und davon getragen. Dann fällt es leicht, das Leben in seiner ganzen Vielfalt anzunehmen, es als ein Geschenk zu begreifen und sich vielleicht sogar in dieses Leben zu verlieben.

Wer diese drei Vertrauensressourcen in sich trägt, erlebt sich als Gestalter seines Lebens und nicht als Opfer der jeweiligen Verhältnisse.

 

Wenn wir versuchen, unterschiedlichen Problemen immer wieder mit den selben Lösungsmustern zu begegnen, dann ­haben wir uns quasi verwickelt.

 

www.gerald-huether.de
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©istockphoto.com - francescoch
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Kann man Resilienz trainieren?
Resilienz kann man aus meiner Sicht nicht trainieren, die bringen wir auch alle schon mit auf die Welt. Wir sollten vielmehr aufpassen, dass sie uns nicht verloren geht. Damit das nicht geschieht, müsste ein Mensch von Geburt an bis ins hohe Alter immer wieder die Erfahrung machen, dass es ihm gelingt, zu verstehen, was um ihn herum und in ihm geschieht.

 

Welche Rolle spielen dabei persönliche Bedürfnisse?
Die körperlichen Bedürfnisse wie Hunger und Durst spürt ja jeder Mensch normalerweise recht gut und stillt sie auch, wenn er Gelegenheit dazu hat. Die beiden seelischen Grundbedürfnisse, das nach Verbundenheit und Geborgenheit einerseits und das nach Autonomie und freien Gestaltungsmöglichkeiten, lassen sich nur in sehr günstigen Bedingungen des Zusammenlebens gleichzeitig stillen.

Um in eine Gemeinschaft aufgenommen zu werden und dazugehören zu dürfen, müssen Menschen diese seelischen Grundbedürfnisse weitgehend unterdrücken. Sonst können sie die Erwartungen der Anderen nicht optimal erfüllen, nicht gut genug funktionieren. Die Unterdrückung dieser lebendigen Bedürfnisse macht Menschen jedoch auf Dauer unzufrieden. Dieses Problem lösen dann viele, indem sie irgendwelchen Ersatzbefriedigungen nachgehen. Angebote gibt es dafür ja genug: Chatten, Shoppen, Ablenken, Verreisen, im Internet surfen, sich selbst optimieren und darstellen ... schon als Kinder und Jugendliche beginnen viele, sich darin zu verwickeln.

 

… was müssten wir dann eigentlich eher lernen?
Wir müssen lernen, uns selbst etwas besser zu verstehen. Früher ging man davon aus, dass es genetisch vorgegeben sei, wie sich unser Gehirn herausformt. Mittlerweile ist klar, dass die genetischen Vorgaben nur Möglichkeiten darstellen und dass es die konkreten Erfahrungen sind, die dazu führen, dass bestimmte Nervenzellverschaltungen im Gehirn stabilisiert werden. Wir „programmieren“ uns und unser Gehirn also im Laufe unseres Lebens selbst. Das, was sich das Gehirn merkt und was dort in Form von Vernetzungen verankert wird, sind allerdings nicht die Probleme, die wir haben, sondern die Lösungen, die wir zu deren Überwindung finden. Wenn wir versuchen, unterschiedlichen Problemen immer wieder mit den selben Lösungsmustern zu begegnen, dann haben wir uns quasi verwickelt. Wer beispielsweise versucht, immer alles ordentlich zu strukturieren oder alles zu kontrollieren, verpasst alle Chancen, welche die Unvorhersehbarkeit des Lebens bietet.

 

Sich zu entwickeln heißt also, sich aus festverankerten Haltungen zu befreien?
Ja genau, Verwicklungen sind quasi festverankerte Vorstellungen, Einstellungen und Haltungen, die sich mehr oder weniger bewährt haben. Sie verstellen jedoch den Blick für die Chancen, die alles Abweichende, Unerwartete bieten. Die Summe der gemachten Erfahrungen bei der Lösung von Problemen im Leben eines Menschen bilden gewissermaßen die innere Landschaft, innerhalb derer er sich bewegt. Diese Erfahrungen sind in Form entsprechender neuronaler Netzwerke und Verschaltungsmuster im Gehirn verankert. Sie sind ausschlaggebend dafür, was eine Person denkt, fühlt und macht. Kinder, deren Eltern es gelingt, sie in ihrer Überzeugung zu stärken, dass sie, so wie sie sind, gut sind und die das Gefühl haben bedingungslos geliebt zu werden, öffnen sich für alles, was es in der Welt für sie zu entdecken und zu gestalten gibt. So erwerben sie vielfältige Kompetenzen und suchen ständig nach neuen Herausforderungen, an denen sie wachsen können. Im Prinzip müssten wir den Kindern möglichst viele und möglichst unterschiedliche Herausforderungen anbieten, also ständig neue Probleme bereiten, die sie lösen können. Das würde ihre Resilienz stärken. Aber es gibt leider sehr viele Eltern, die Ihren Kindern alle Probleme aus dem Weg zu räumen versuchen oder sie mit ihren eigenen Problemen belasten, die die Kinder freilich nicht für sie lösen können.

 

Unsere innere Landschaft – wie formbar ist sie?
Es ist schwer, einmal entstandene Muster wieder aufzulösen oder umzubauen. Aber nicht deshalb, weil das Gehirn nicht hinreichend plastisch und veränderbar wäre, sondern weil es den meisten Menschen später im Leben nicht mehr gelingt, ihre bis dahin geformten Denk- und Verhaltensmuster aufzulösen oder in Frage zu stellen. Sie sind dann schon zu einem Teil der eigenen Persönlichkeit, ihres Selbstbildes, geworden. Dann muss meist etwas sehr Einschneidendes passieren. Entweder, weil man mit den alten Verwicklungen völlig scheitert oder weil man das Glück hat und so etwas wie eine Sternstunde erlebt, bei der einem die Augen wieder aufgehen, für das, was im Leben wirklich wichtig ist. Bisweilen kann dann jemand seine verloren gegangene Entdeckerfreude und Gestaltungslust – und damit seine Lebendigkeit – wiederentdecken.

 

Resilienzfähigkeit, Entwicklung, Potentialentfaltung – welche Rolle kommt dabei Eltern und Schule zu?
Gute Frage, wenn wir klein sind, sind wir ja voller Tatendrang und Lernfreude. Irgendwann kommt jedoch der Moment, wo unsere eigene Gestaltungslust nicht mehr so viel Begeisterung bei Eltern und Erziehern auslöst. Als Konsequenz sind wir stark frustriert, haben ein Problem und finden eine Lösung, indem wir unsere Freude am spielerischen Ausprobieren und am Lernen unterdrücken. Wenn wir es schaffen würden, die Lernfreude unserer Kinder zu erhalten, sähe das natürlich ganz anders aus. Dazu müßte sich aber auch unser Schulsystem und die dort Verantwortlichen aus ihren „Verwicklungen“ befreien, sich also entwickeln. Ich habe in letzter Zeit mit vielen Erwachsenen gesprochen, und viele haben mir gesagt, dass das wichtigste Bedürfnis, das sie nicht mehr befriedigen können, ihre Gestaltungsfreiheit ist. Viele erleben sich in einem Hamsterrad an Verpflichtungen und Aufgaben gefangen. Auf die Frage, wann sie diese eigene Gestaltungslust zum ersten Mal bewusst zu unterdrücken gelernt haben, lautete die Antwort nicht „in der Schule“, sondern „im Elternhaus“. Das heißt, die Kinder kommen schon verwickelt in der Schule an, und deswegen kann die Schule auch so weitermachen. Wer nichts mehr selbst entdecken und gestalten will, kann dann auch mehr oder weniger brav den Anleitungen folgen, und das lernen, was ihm in der Schule vorgegeben und aufgegeben wird. Dass dabei die Entdeckerfreude und Gestaltungslust unserer Kinder und Jugendlichen verloren geht – und damit auch ihr Unternehmergeist und ihre Widerstandskraft - scheint niemanden so recht zu interessieren. Hauptsache, die Schule funktioniert (noch einigermaßen).

 

Sie sind auch Vorstand der Akademie für Potentialent­faltung. Wie entdecke ich denn mein eigenes Potenzial?
Sie können Ihr Potenzial gar nicht entdecken. Das Potenzial ist etwas, das in Ihnen zunächst ja nur als Möglichkeit angelegt ist. Sie sehen es erst dann, wenn es „rauskommt“, sich also zu entfalten beginnt. Dann nennen wir es Begabung oder Talent, und wenn es dann voll entfaltet ist, erleben wir es als Kompetenz oder Meisterschaft.

Entfalten kann aber niemand die in ihm angelegten Potentiale, solange sie oder er noch in all diesen Ersatzbefriedigungen, sonderbaren Vorstellungen oder der Unterdrückung seiner lebendigen Bedürfnisse verwickelt ist. Sie oder er müsste sich also zunächst erst einmal aus diesen Verwicklungen befreien, sich also „entwickeln“.

 

Sehen Sie Krisen auch als Chance, Potentiale zu entfalten?
Eine Krise wird dann zu einer Chance, wenn sie zu einer tiefgreifenden Erschütterung und Destabilisierung einmal entstandener und bis dahin erfolgreich eingesetzter Denk- und Verhaltensmuster führt. Ohne eine solche „Aufweichung“ alter Muster ist kein Umbau der dieses Verhalten steuernden neuronalen Verschaltungsmuster möglich. Die meisten Menschen hoffen allerdings auf die Wiederherstellung der alten Ordnung und sind bereit, alles dafür zu tun, dass es wieder so wird wie zuvor. Wenn das gelingt, ist die Chance zu einer eigenen Verwandlung vertan. Dann geht es genauso weiter wie bisher.

Manche finden aber auch einen Ausweg, aber nicht, indem sie die Anderen verändern, sondern indem sie mit dieser Veränderung bei sich selbst beginnen. Wir müssten wohl alle endlich lernen, etwas liebevoller mit uns selbst umzugehen. Dann würden wir uns auch selbst wieder mögen, und dann wären wir auch liebevoller in der Begegnung mit anderen Menschen, auch in der Art und Weise, wie wir uns gegenüber anderen Lebewesen und der Natur verhalten.

 

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Resilienz und Potentialentfaltung
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