Einfach gesund essen und Gesund bleiben
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Gutes Körpergefühl

Einfach gesund essen und Gesund bleiben

„Der Mensch ist, was er isst.“ In dem Sprichwort spiegeln sich Lebenseinstellung und Essgewohnheiten wieder. Aber: mehr Gesundheit, ein längeres Leben und sich gut fühlen durch „gutes Essen“? Es funktioniert, wenn wir gewisse Empfehlungen beachten, ist sich Dr. Klas Mildenstein sicher. Er ist seit 36 Jahren als Hausarzt, Ernährungsmediziner, Diabetologe und Schmerzmediziner in eigener Praxis tätig.

Außerdem ist er seit 33 Jahren Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin, Prävention und Palliativmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover. Er ist einer von drei Autoren des Bestsellers „Health Power: Einfach gesund!“. Wir haben uns mit ihm – passend zum Jahreswechsel – über eine optimale Ernährung unterhalten.

Die Auswirkungen ungesunder Ernährung auf die Gesundheit stehen gerade nicht so im Fokus, dabei wäre doch wahrscheinlich gerade jetzt der richtige Zeitpunkt?
Sie sollten tatsächlich gerade jetzt im Fokus stehen, denn es gibt Vorerkrankungen, die ein Risiko für einen schweren Corona-Verlauf mit sich bringen können. Die vorliegenden Daten zeigen, dass Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck und koronare Herzkrankheit mit einem erhöhten Risiko verbunden sind – auch für Corona/COVID-19. Diese Erkrankungen sind in den meisten Fällen ernährungsbedingt. Corona ist eine akute, weltweit verbreitete Infektionskrankheit, für die es bisher keine Impfung und keine Therapie gibt. Wegen der Gefahr der Überlastung des Gesundheitssystems durch die möglichen schwerwiegenden Verläufe, sind die Staaten gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen, mit denen sie die Verbreitung der Infektionen eindämmen können.

Die ernährungsbedingten Krankheiten hingegen haben über Jahre und Jahrzehnte stetig zugenommen und sind inzwischen zu Volkskrankheiten geworden. 48 Millionen Menschen in Deutschland sind übergewichtig mit steigender Tendenz, 40 Millionen leiden unter Bluthochdruck, 10 Millionen unter Diabetes, 290.000 Menschen erleiden jedes Jahr einen Herzinfarkt, 270.000 einen Schlaganfall, 500.000 Menschen erkranken jedes Jahr neu an Krebs, um nur die wichtigsten zu nennen. Neben dem großen individuellen Leid verursachen diese Erkrankungen hohe Kosten. Der Diabetes allein belastet das deutsche Gesundheitssystem jedes Jahr mit 35 Milliarden Euro.

 

Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck und koronare Herzkrankheit sind immer mit einem erhöhten Risiko verbunden – auch für Corona/COVID-19.

 

Welche persönlichen Schicksale stehen hinter diesen Zahlen?
Ich will Ihnen zwei Beispiele aus meiner Praxis nennen:
Einem 48-jährigen Patienten in einer verantwortungsvollen beruflichen Position, Familie, 4 Kinder, übergewichtig, empfehle ich eine Gesundheitsuntersuchung. Er ist dazu auch bereit, wegen des Coronavirus schiebt er den Termin jedoch hinaus. Vier Wochen später kommt seine Frau in die Praxis und berichtet, dass ihr Mann verstorben sei. Jetzt ist sie mit den vier Kindern allein. Als Todesursache ist ein Herzinfarkt anzunehmen.

Ein 59-jähriger Patient, Kaufmann von Beruf, 2 Meter groß, beherrschender Mittelpunkt der Familie, erleidet aus heiterem Himmel einen Schlaganfall. Seit neun Jahren ist er seitdem schwer pflegebedürftig, ist gehunfähig, sitzt im Rollstuhl. Seine Frau war nun gezwungen, alle Aufgaben zu übernehmen. Sie sagte ihm: „Jetzt geht es nicht mehr danach, was Du willst, sondern nur noch danach, was ich kann.“

 

Wenn man das alles hört, müsste doch eigentlich ein Aufschrei erfolgen und alles getan werden, um diese Verhältnisse zu ändern?
Ich gebe Ihnen völlig Recht. Es fehlt jedoch bisher das Problembewusstsein. Die ernährungsbedingten Krankheiten werden als schicksalsgegeben hingenommen. Und auch die Medizin bietet lediglich eine symptomatische Behandlung: zum Beispiel Medikamente, kardiologische Eingriffe wie Dilatation (Gefäßerweiterung), Stent-Implantation, Bypass-Operationen oder gar Adipositas-Chirurgie.

 

Wie lässt sich diese hohe Zahl von Betroffenen erklären?
Es handelt sich um die Folgen unserer Ernährungsgewohnheiten, die sich besonders in den letzten 50 Jahren sehr verändert haben: zu viel Zucker, zu viel stark verarbeitete Nahrungsmittel, zu viel Salz, Fett, Protein, Cholesterin, gesüßte Getränke und Snacks. Dazu kommt ein großes Angebot an Fleisch und Wurstwaren, Milch und Käse, Fisch und Eiern. Diese Ernährungsweise hat Geschmackserlebnisse geschaffen, die oft reich an Kalorien, aber dafür arm an Vitaminen, Mineralien und Ballaststoffen sind. Damit werden mehr Kalorien aufgenommen als der Körper verbraucht. Der Überschuss wird als Fett eingelagert.

 

Wie kann dieses Problem gelöst werden?
Zunächst einmal muss verlässliches Ernährungswissen vermittelt werden. Es gibt zwar eine unüberschaubare Zahl von Ernährungsratgebern und Diäten, die Informationen sind jedoch vielfach widersprüchlich, sodass der Verbraucher nicht in der Lage ist, sich ein klares Urteil zu bilden.

 

Porträt
Porträt
Tabelle über Ernährung
Tabelle über Ernährung

 

Zunächst muss verlässliches Ernährungswissen vermittelt werden ...
Informationen sind vielfach widersprüchlich.

 

Ernährung – jeder weiß was, es gibt viele Ratgeber, Trends und Mythen …
Um Ernährungswissen einfach, übersichtlich und kinderleicht zu vermitteln, habe ich die ChipListe entwickelt. Diese Liste ist über eine bundesweite Pharma-Zentralnummer in allen Apotheken in Deutschland zu beziehen. Außerdem habe ich gemeinsam mit dem Autor Dr. Hans Diehl, Professor für Präventive Medizin in Kalifornien, und Professor Leitzmann, dem führenden Ernährungswissenschaftler in Deutschland, das Buch „Health Power. Einfach Gesund! Gesund essen. Gesund werden. Gesund bleiben“ ins Deutsche übersetzt. Es handelt sich um einen internationalen Bestseller. Dieses Buch vermittelt Ernährungsinformationen verlässlich und wissenschaftlich fundiert. Einer meiner Patienten hat es kürzlich so ausgedrückt: „Da steht die Wahrheit drin“. Es wird über gesunde Ernährung informiert und gleichzeitig angeleitet, wie die bisherigen Ernährungsgewohnheiten verändert werden können.

 

Müssen auch politische und betriebliche Stellschrauben gedreht werden?
Ja, daneben ist auch die Gesundheitspolitik gefragt. Es muss bereits in Krippe, Kindergarten und Schule für gesunde Ernährung gesorgt und das notwendige Ernährungswissen vermittelt werden. Auch in den Betrieben kann für ein gesundes Angebot gesorgt werden. Weitere Möglichkeiten bestehen darin, gesunde Nahrungsmittel für die Verbraucher erkennbar zu machen, zum Beispiel über den jetzt beschlossenen Nutri-Score. Auch eine Zuckersteuer hat sich als ein wirksames Steuerungsmittel erwiesen. Schließlich können durch steuerliche Maßnahmen gesunde Nahrungsmittel billiger und ungesunde Nahrungsmittel teurer gemacht werden.

 

Gibt es eine erfolgreiche Formel zum Abnehmen? Sie haben erwähnt, man kann sogar mehr essen und dabei abnehmen – wie kann dies gehen?
Zu Übergewicht kommt es, wenn mehr Energie aufgenommen als verbraucht wird. Dementsprechend kann eine Gewichtsabnahme nur erreicht werden, wenn weniger Energie zugeführt und verbraucht wird. Es wird empfohlen, die Kalorienzufuhr um 500 Kilokalorien (kcal) pro Tag zu reduzieren. Dadurch wird eine Gewichtsabnahme von 1 Pfund pro Woche oder 2 kg pro Monat erreicht. Ein realistisches, erreichbares Ziel. Die Fette spielen dabei eine wichtige Rolle. Zum Beispiel entsprechen 2 mittelgroße Pellkartoffeln (140 g) 100 kcal, aber nur noch 5 Pommes Frites (35 g). 200 g Kartoffelchips enthalten sogar mehr als 1.000 kcal. Auch zuckerhaltige Getränke sind von Bedeutung. 1 Liter Cola enthält 40 Stück Würfelzucker, entsprechend 400 kcal.

Wenn Sie die Empfehlungen des Buches umsetzen, können Sie tatsächlich abnehmen, obwohl Sie mehr von den folgenden Lebensmitteln essen: Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Knollen, Kräuter und Wasser.

 

Sie sprechen sich für eine pflanzenbasierte Ernährung aus. Gibt es weitere positive Auswirkungen?
Es gibt eine Vielzahl. Innerhalb von wenigen Wochen fallen erhöhte Cholesterinwerte gewöhnlich um 15 – 20 Prozent. Die Blutzuckerwerte beim Diabetes fangen innerhalb von einigen Tagen an zu sinken und können sich oft innerhalb von vier bis zehn Wochen vollständig normalisieren. Medikamente und Insulin können reduziert und vielfach ganz abgesetzt werden. Auch der Bluthochdruck kann sich oft wieder vollständig normalisieren und die blutdrucksenkenden Medikamente können entfallen.

Darüber hinaus kann sich die Arteriosklerose, die zum Herzinfarkt und Schlaganfall führt, wieder zurückbilden. Das sind revolutionäre Erkenntnisse von US-amerikanischen Studien, die schon vor 30 Jahren veröffentlicht wurden, allerdings noch nicht in die Medizin in Deutschland Eingang gefunden haben. Anders in den USA, wo pflanzenbasierte Ernährung unter renommierten Ärzten als „powerful medicine“ (hochwirksame Medizin) gilt und deshalb der gesamten Bevölkerung empfohlen werden sollte.

Darüber hinaus spielt die Ernährung eine wichtige Rolle für die globale Erwärmung. Und zwar in derselben Größenordnung wie der gesamte Verkehrssektor. Es gibt eine App mit Namen „Klimateller“, die die Belastung der Mahlzeiten für das Klima errechnet. Danach belasten drei Rindfleischmahlzeiten das Klima so stark wie Obst und Gemüse für die Dauer eines Jahres.

 

©ingimage.com – lev dolgachov
©ingimage.com – lev dolgachov
Health Power – Einfach Gesund!
Health Power – Einfach Gesund!

 

Ist eine pflanzenbasierte Ernährung zu empfehlen?
Ja, sofern sie gut geplant ist. Die Nordamerikanische Akademie für Ernährung und Diätetik hat folgende Erklärung abgegeben: „Gut geplante vegetarische und vegane Ernährungsformen sind gesund und ernährungsphysiologisch angemessen.“ Es ist lediglich auf eine Nahrungsergänzung mit Vitamin B12 zu achten.

 

Wie könnte eine Umstellung darauf gelingen?
Zunächst einmal ist es wichtig, das notwendige Wissen zu erwerben. Dazu sind die ChipListe und das Buch „Health Power – Einfach Gesund!“ in besonderem Maße geeignet. Dann geht es darum, Veränderungen vorzunehmen und diese immer und immer wieder zu wiederholen, bis daraus neue Gewohnheiten geworden sind. Beginnen Sie zum Beispiel jeden Tag mit einem gesunden Frühstück.

 

Der Tag fängt gut an, haben Sie ein Frühstücks-Rezept?
Ja: 4 Esslöffel Haferflocken mit 1 Becher ungesüßter Mandelmilch in einen Kochtopf geben, kurz aufkochen, ziehen lassen und in eine Schale geben. 1 Apfel oder anderes Obst Ihrer Wahl in kleine Würfel schneiden und zu den Haferflocken hinzufügen. Zum Schluss einen Hauch Zimt darüber stäuben.

 

Sind eigentlich auch Ausnahmen erlaubt, wie Weihnachtsessen oder Silvester-Dinner?
Es handelt sich um Empfehlungen, nicht um Gebote. Deshalb sind auch Ausnahmen zugelassen. Oder um Professor Leitzmann zu zitieren: „Nicht die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr ist wichtig, sondern die Zeit zwischen Neujahr und Weihnachten.“

 

Danke für das Gespräch.

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